ANBLICK Ausgabe 07/2016 - page 21

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AN
BLICK
Am Mysterium Kaspar Hauser scheiden sich noch heute die Geister.
Ob der 1828 auf der Bildoberfläche erschienene Hauser der Erbprinz von
Baden ist, klärt bislang keine der getätigten Genanalysen. Bis zu seinem
Tod im Jahr 1833 hinterlässt er in der kurzen Spanne seines Lebens be-
eindruckende Aquarelle und Zeichnungen, die weitere Fragen aufwerfen.
Das Markgrafenmuseum thematisiert mit der Sonderausstellung „Bild-
welten“ einen bislang unbekannten Schatz an Werken, die Raum für
Interpretation geben. Neuartige Sichtweisen fühlen dem weltberühmten
Kaspar anhand eines vielgestaltigen Programms vom 27. Juli bis
4. September auf den Zahn.
Die Sonderausstellung profitiert von zahlreichen Leihgaben, die für so
manche Überraschung sorgten. Bei der Entrahmung eines von Hauser
erstellten Blumenaquarells wurde zufällig ein zweites Bild auf der Rück-
seite entdeckt, schildert Museumsleiter Wolfgang F. Reddig den spekta-
kulären Fund. Den Bildern mutet ein samtweicher Charakter an, der mit
erstaunlicher Plastizität ins Auge fällt. Eine ganze Reihe Blumenstillleben
und Früchtemotive erstellte Hauser im Rahmen seiner Ausbildung, die
Zeichen- und Aquarellunterricht beinhaltete. Briefe an junge Damen
verzierte er mit kleinen Zeichnungen.
Zeichentechniken
Welcher Zeichentechniken sich Kaspar Hauser bediente, kann in den Work-
shops „Malen wie Kaspar Hauser“ ab sechs Jahren nachempfunden werden.
Mit speziellen Pinseln wird die Farbe senkrecht auf Papier getupft. Hauser
verwendete Papier, dicker als Pergament, das mit Leinsamenöl bepinselt und
mit Lack zum Aushärten bearbeitet wurde. Hauser bediente sich überwie-
gend der Schablonentechnik, die im Kontext zu orientalischer Malerei bzw.
Seidenmalerei steht. Von wem der Findling die in hiesiger Gegend unkon-
ventionelle Zeichentechnik erlernte, ist ungewiss. Manche setzen auf Lord
Stanhope, der in das MysteriumHauser verwickelt war.
Diese liebevoll angefertigten Blätter stehen im Kontrast zu den impulsiven,
modernen Werken des Kieler Künstlers Tobias Regensburger, der ebenfalls
in der Sonderausstellung ausstellen wird. Kürzlich realisierte der Bildhauer
die skulpturale Installation „Camp“ imMuseumshof. Weiterhin wird es Son-
derführungen mit demMuseumsleiter zur Erinnerungskultur des Bieder-
meier geben, der versteckte Botschaften in den Werken entschlüsselt.
Pünktlich zur Sonderausstellung erscheint das Buch „Kaspar Hauser –
Bildwelten“ des Kulturhistorikers Christian Schoen mit einer Auflage
von 600 Exemplaren.
Wissenschaftliche Sammlung
Christian Schoen beleuchtet darin das Leben Hausers anhand von
historischen Fakten. Er konfrontiert die nonverbalen Werke mit dessen
„inneren Bildwelten“. Hierzu hat der Autor sämtliche Aquarelle und
Zeichnungen zusammengetragen, die somit erstmals katalogisiert und
analysiert werden.
Wie kam es zu dem Buch?
Im Rahmen seines Münchner Studiums mit Psychologie im Nebenfach
begegnete Schoen Hauser aus medizinisch-psychologischer Sicht.Was
passiert mit einem Menschen, der einen Großteil seiner Kindheit in Iso-
lation aufwächst? Diese Fragestellung stets präsent, bricht sich das Thema
mit Hausers Bildern Bahn. Vor drei Jahren fasste Schoen sodann den
Entschluss, die Zeichnungen im Verhältnis zu seinen inneren Bildwelten
zu bewerten. Hierzu holte er sich den Leiter des Stadtarchivs Wolfgang
F. Reddig und den Intendanten der Kaspar-Hauser-Festspiele Eckart
Böhmer mit ins Boot. Böhmer befasst sich in dem Buch mit dem Rätsel
um Hausers Kindheit, Reddig betrachtet die Privatheit und Idylle der
damaligen Zeit.
Kaspar Hauser – Bildwelten.
Bekannte und unbekannte Zeichnungen.
Sonderausstellung kuratiert von Wolfgang F. Reddig und Christian Schoen
Konfrontiert mit Arbeiten von Tobias Regensburger
Buchvorstellung „Kaspar Hauser – Bildwelten“
Pustet Verlag
Christian Schoen
Wolfgang F. Reddig
Damit hat keiner gerechnet –
Leihgabe überrascht mit einem weiteren
Aquarell Hausers.
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